Pressestimmen

DK, 05.07.2010

Kontrastreiches Programm

Ingolstadt (DK) Frenetisch aufbrandender Applaus war nur ein Ausdruck auf der breiten Palette fast ununterbrochener Zustimmung – damit zollten die Zuhörer in der vollbesetzten Kirche St. Matthäus Dirigentin Eva-Maria Atzerodt und dem Jugendkammerchor Ingolstadt am Ende des Konzertabends höchstes Lob und Anerkennung.

Ein kontrastreiches und anspruchsvolles Programm kirchlicher und weltlicher Werke führte von der Renaissance über die Barockgrößen Purcell und Monteverdi – die ausgewählten Stücke klangen in Struktur und Harmonik übrigens genauso modern wie die heutigen Kompositionen – zu Mendelssohn Bartholdy, Brahms und Hugo Distler und noch weiter ins zeitgenössische Repertoire; mit Karl-Heinz Malzers ausdrucksstarkem "Jubilate Deo" präsentierten die Sänger/innen sogar eine Uraufführung.
"Now Shout!", so der erste Chorsatz von Gerald Kemner, ein dynamisches, von Sprache durchbrochenes Werk, das der Jugendkammerchor rhythmisch versiert und artikulationsstark umsetzte; nicht weniger sicher, nun auf leichte und flexible Stimmführung setzend, "Nunc dimittis" von Henry Purcell. In Mendelssohn Bartholdys "Herr, nun lässest du deinen Diener" behielt diesmal romantische Harmonik die Oberhand, und die durchwegs gut ausgebildeten Stimmen bestachen durch tragenden und homogenen Gesamtklang.

Eva-Maria Atzerodt nutzte geschickt das große klangliche Farbspektrum ihres Chores. Stimmlich wunderschön ausbalanciert gelangen auch die folgenden Werke – eine leichte Intonationstrübung im wahrhaft geheimnisvoll gestalteten "O magnum mysterium" von Francis Poulenc konnte dem ansonsten sehr guten Gesamteindruck nichts anhaben.

Prägnant in den Einsätzen, schlank und lebendig gesungen war "...ODEM...", ein tiefgründiges Stück des jungen Komponisten Steven Heelein. Hier begegnen sich lyrisch eindrucksvoll übersetzte Textkompositionen (Ingeborg Bachmann) und Heeleins überaus geschicktes Spiel mit Klängen und Lautmalereien. Die Präsenz gesprochener Sequenzen trifft auf fein abgestufte und durchgehörte Harmonik und erinnert im stark rhythmisierten Schlussteil wieder an den Anfang; der Jugendkammerchor bündelte gekonnt seine Stimmgewalt und führte sie zu voluminösem Wohlklang. In Zoltán Kodálys Klagelied "Sirató ének" bannte melancholisch-eindringliche Gestaltungskraft die Aufmerksamkeit des Publikums, und auch "Die traurige Krönung" sowie "Der Feuerreiter" von Hugo Distler (aus dem Mörike-Chorliederbuch) hinterließen nicht nur eine Ahnung von Tod und Gewalt, sondern zementierten die schaurige Grundstimmung derart in die kühlen Kirchenmauern, dass man sich dem "seltsamen Totenspiel" sehr nahe fühlte und zu den fahlen Finalklängen in der ausgebrannten Mühle noch die schwelende Luft zu spüren glaubte.

Mit einem Reigen von Liebesliedern aus den unterschiedlichsten Epochen bewies Eva-Maria Atzerodt noch einmal das große Wandlungspotenzial des Chores, der überaus präzise agierte und Tempo- wie Stimmungswechsel professionell umsetzte. Ob komplex verzahnte, rhythmische Liedstrukturen oder ein Höchstmaß an Legato – Atzerodt führte den Chor stringent und mit größter Aufmerksamkeit.

Eric Whitacres "Sleep" verlangte von den Sängern zuletzt noch einmal alles: Traumhafte, transzendente Klangkombinationen stiegen in die Kuppel der St.-Matthäuskirche, und der Chor legte all seine Fähigkeiten in dieses perfekte Tongebilde, das gezielt auf Dissonanzen setzt, dabei aber atemberaubend emotional blieb und damit der strahlenden Schönheit reinen Chorgesangs einen glänzenden Abschluss bescherte.

Sandra Hummel

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