Pressestimmen

DK, 02.06.2008

Exzellente Stimmen

Das Konzert des Jugendkammerchores in der Asamkirche

Ingolstadt (DK) Wo hat sich denn der Chor versteckt? Das war die entscheidende Frage zu Beginn des Jugendkammerchor-Konzertes in der Kirche Maria de Victoria. Verblüffte Gesichter wandten sich suchend um, denn die Sänger hatten sich unter das Publikum gemischt. Einer nach dem anderen erhob die Stimme bei "Ubi Caritas" von Ola Gjeilo, gemeinsam schritt der Chor in einer kleinen Performance zum Altar.

Programmatisch dominierte die zeitgenössische A-cappella-Musik beim Hauptkonzert des Jugendkammerchors im Zeichen der Marienvesper – quasi ein Garant für Abwechslungsreichtum, schließlich beinhaltet die Moderne eine schier grenzenlose Palette an Stilmitteln. Da gab es Originelles zu hören: Harmonische Raffinessen bei "Salve Regina" von Petr Eben oder dissonante Intervallreibungen beim "Ave Maria" von Vytautas Miskinis und "Pater noster" von Pekka Kostiainen. Kompositorisch interessant war auch der Sprechgesang kombiniert mit darüberliegender Melodiestimme im teuflisch-rasanten "Daemon irrepit callidus" des Ungarn György Orban. Bei dessen Landsmann Zoltán Kodály gefielen die prägnanten rhythmischen Motive in der Umsetzung der Geschichte von "Jesus und die Krämer".

Der Jugendkammerchor präsentierte sich mit exzellenten Stimmen und gleichermaßen deutlicher wie bildhaft interpretierter Textausdeutung. Es spricht für das pädagogische Geschick der Leiterin Eva-Maria Atzerodt, dass es ihr gelungen ist, jugendliche Chorsänger für so anspruchsvolle Musik zu begeistern. Technisch am schwersten zu bewältigen war wohl die vierteilige "Hymn to St. Cecilia" von Benjamin Britten mit ihrem sprachgewaltigen und inhaltlich komplexen Text. Der Refrain fordert die heilige Cäcilia auf, "komponierende Sterbliche mit unsterblichem Feuer aufzurütteln". Die verzückende Wirkung von Cäcilias Kunst wird im ersten Teil beschrieben, scherzoartig kontrastiert darauf der zweite Teil, der dritte rühmt die Macht der Musik in einer grausamen Welt "unwandelbarer Wahrheiten". Im vierten Teil, einer Lobeshymne auf die Musikinstrumente, durchbrechen solistisch-lyrische Abschnitte den unruhig-gehetzten Grundrhythmus.

Hier machte der enorm große Tonumfang gerade den vier Chor-Solisten etwas zu schaffen. Insgesamt fehlte es dem Chor in manchen Passagen an Energie und Spannung – ein wenig mehr emotionale Impulse und zwingendere Gestik durch die Dirigentin Eva-Maria Atzerodt wären da sicher hilfreich gewesen.

Die großen Stärken des Chores liegen in der Verinnerlichung: Vor allem elegische Stücke wie das berühmte "Locus iste" von Anton Bruckner, dessen komplizierte Modulationen die Sänger mit bestechender Intonationssicherheit bewältigten, oder "Rest" von Ralph Vaughan Williams überzeugten durch feine dynamische und agogische Abstufungen. Der positive Eindruck dieses Konzertes überwiegt – für die arbeitsintensive Vorbereitung eines solch niveauvollen Repertoires gebührt dem Jugendkammerchor und seiner Leiterin Eva-Maria Atzerodt, die mit Kommentaren sehr aufschlussreich durch das Programm führte, größter Respekt.

Agnes Krumwiede

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